Perspektivenwechsel im Arbeitsalltag: Beschäftigte der Hagsfelder Werkstätten tauschen Arbeitsplätze mit Partnern aus Wirtschaft und Kultur

28. September 2026|News|

Im Rahmen des bundesweiten Aktionstages Schichtwechsel am 24. September tauschten vier Beschäftigte der Hagsfelder Werkstätten und Wohngemeinschaften Karlsruhe (HWK) ihren Arbeitsplatz mit drei Auszubildenden aus dem Porsche Zentrum Karlsruhe und dem Audi Zentrum Karlsruhe sowie einer Kulturvermittlerin aus dem Badischen Staatstheater Karlsruhe. Das Fazit der Beteiligten fiel rundum positiv aus.

Isabell Kelm aus dem Porsche Zentrum Karlsruhe verbrachte den Tag im Bereich Bürodienstleistungen der HWK. Die angehende Automobilkauffrau war neugierig zu erfahren, welche Wege es für Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gibt und erlebte die Belegschaft bei der HWK als „gewissenhaft und sehr offen“.

Ihr Ausbildungskollege Tim Seiler erlebte den Schichtwechsel an der Bohrmaschine in der HWK-Schlosserei – eine neue Erfahrung für den angehenden Automobilkaufmann. „Ich bin beeindruckt, wie selbständig die Menschen hier arbeiten und wie vielseitig das Arbeitsangebot ist“, staunte der 21-Jährige.

Er hatte den Arbeitsplatz mit Dennis Koczwanski getauscht, der in der Werkstatt des Porsche Zentrums Karlsruhe beim Reifen- und Ölwechsel mit anpacken durfte. „Ich finde es super, dass ich heute mal sehen kann, wie es in einer Autowerkstatt zugeht“, freute er sich.

Tobias Baur, Tauschpartner von Isabell Kelm, arbeitete im Service-Bereich des Porsche Zentrums mit und scannte dort Unterlagen ein. Für den erfahrenen Mitarbeiter bei HWK-Bürodienstleistungen eine vertraute Tätigkeit, aber in einem neuen und ganz anderen Umfeld. „Es war schön, mal etwas neues kennenzulernen“, berichtete er.

„Für uns ist der Schichtwechsel mehr als eine soziale Initiative. Es ist eine Chance, Menschen, Arbeitsweisen und Herausforderungen kennenzulernen, die im normalen Arbeitsalltag oft außerhalb des eigenen Blickfelds liegen“, erklärte Dimitrios Varvitsiotis, Geschäftsführer des Porsche Zentrum Karlsruhe, die Bereitschaft seines Unternehmens, gleich zwei Schichtwechsel zu ermöglichen.

Auch das Audi Zentrum Karlsruhe hatte sich auf einen Schichtwechsel eingelassen. Tim Sieferer, der normalerweise in der HWK-Gärtnerei als Gemüsegärtner tätig ist, begleitete KFZ-Mechatroniker Thomas Ort in der Audi-Werkstatt. Tim Sieferer wäre gerne KFZ-Mechatroniker geworden. „Leider hat mein Schulabschluss damals nicht für eine Ausbildung gereicht“, bedauerte er. Umso mehr freute er sich, im Rahmen des Schichtwechsels einen Einblick in die Abläufe einer Autowerkstatt zu bekommen.

Sein Tauschpartner Marcel Schmitz, Auszubildender im ersten Lehrjahr bei Audi, lernte in der HWK-Gärtnerei allerhand zum Thema Nützlinge und wie man Gemüse auf dem Acker erntet. „Ich finde es toll sehen, wie Menschen mit Einschränkungen hier arbeiten. Und für mich ist die Gärtnerei ein ganz neues Arbeitsfeld“, berichtet der 18-Jährige.

Einen weiteren Schichtwechsel gab es mit dem Badischen Staatstheater. Die Kulturvermittlerin Daria Schirmer arbeitete einen Tag lang an der Nähmaschine in der Textilwerkstatt am HWK-Standort Ettlingen. „Bei uns am Theater herrscht immer Stress. Hier erlebe ich eine wohltuende Ruhe und Gelassenheit. Und der Mensch steht hier wirklich im Mittelpunkt,“ war ihre Erfahrung.

Sie hatte den Arbeitsplatz mit Birk Spanger getauscht, der einen Einblick hinter die Kulissen des Badischen Staatstheaters bekam – für den aktiven Schauspieler bei der inklusiven Theatergruppe D!E SP!NNER eine „fantastische Erfahrung“, die er mit in seine Theaterarbeit nehmen will: „ In der Dramaturgie muss alles zusammenpassen, damit das Stück gut wird – Bühnenbild, Kostüme und Licht,  einfach alles,“ fasst er seine Erkenntnis aus diesem Tag zusammen.

Für die Hagsfelder Werkstätten ist der Schichtwechsel nicht nur eine Chance, sich als Betrieb mit komplexen Abläufen zu präsentieren und damit gängige Vorurteile gegenüber Werkstätten für Menschen mit Behinderung abzubauen, sondern „wir schätzen den Austausch auf Augenhöhe und erhoffen uns, dass daraus neue Kooperationen für noch mehr Teilhabe an Arbeit entstehen“, erklärt Simon Scholtz, Geschäftsleiter für Reha und Bildung bei den Hagsfelder Werkstätten.

Bundesweit haben sich rund 400 Werkstätten am diesjährigen Schichtwechsel beteiligt. Mit einer Teilnehmerzahl von insgesamt 5000 Menschen, davon 3000 Beschäftigte aus Werkstätten und 2000 Tauschpartner*innen aus Unternehmen war der Aktionstag Schichtwechsel ein großer Erfolg.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten (BAG WfbM) koordiniert den Aktionstag Schichtwechsel auf Bundesebene seit 2019. Über das verbindende Thema Arbeit schafft der Schichtwechsel Raum für Begegnungen und für neue Perspektiven und hilft, Vorurteile und Klischees abzubauen.

„Ziel des Aktionstags Schichtwechsel ist es, den Austausch zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen zu fördern und zu zeigen, welche Rolle die Teilhabe am Gesellschafts- und Arbeitsleben nicht nur für Menschen mit Behinderungen spielt, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Gerade angesichts des aktuellen politischen Klimas und des Erstarkens demokratiefeindlicher Strömungen sind Aktionen wie der Schichtwechsel wichtiger denn je, um Teilhabe als Menschenrecht und Grundpfeiler unseres sozialstaatlichen Systems nicht aus den Augen zu verlieren“, so Andrea Stratmann, Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e. V. (BAG WfbM).

 

Fotos:  Sauermost/HWK gGmbH