Nach dem Abpfiff ist vor dem Einsammeln
KSC-Fan sein, bei Heimspielen im Wildparkstadion mitfiebern, und dort auch noch arbeiten: Für Julia und Sören gehört das alles zusammen. Als betrieblich integrierte Mitarbeiter*innen sammeln sie bei jedem Heimspiel die Getränkebecher ein – und tun dabei Gutes.
Viele Beschäftigte der HWK sind begeisterte KSC-Fans, und besuchen auch gerne das eine oder andere Heimspiel im Wildparkstadion. Für zwei von ihnen bleibt es jedoch nicht dabei. Für Julia und Sören ist das Stadion auch zum Arbeitsplatz geworden. Im Rahmen der betrieblichen Integration sind sie bei jedem Heimspiel des KSCs dabei.
Doch vor der Arbeit kommt das Vergnügen – das Spiel. Zusätzlich zum Lohn ist der Eintritt für die beiden frei, und einen Verpflegungs-Gutschein gibt es obendrauf. Nach dem Abpfiff beginnt das Warten, bis die Fans das Stadion weitestgehend verlassen haben.
Die Aufgabe der beiden: Getränkebecher einsammeln.
Der KSC schenkt Getränke in wieder verwendbaren Bechern aus, für die ein Pfand von zwei Euro erhoben wird. Diese werden bei Rückgabe natürlich ausgezahlt, die Besucher*innen haben aber auch die Möglichkeit darauf zu verzichten und somit das Pfand zu spenden.
Dafür gibt es – über das Stadion verteilt – zehn Abgabeboxen, in die die Becher eingeworfen werden können. Das Leeren dieser Boxen ist die Aufgabe von Julia und Sören. Mit einem Wagen geht es von Box zu Box. Die beiden sind ein eingespieltes Team: Julia schiebt den Wagen, Sören leert die Boxen. Für das Einsammeln und das gemeinsame Zählen am Schluss benötigen sie rund eine Stunde.
Wie viele Becher zusammenkommen, ist von Spiel zu Spiel unterschiedlich. Häufig sind es um die hundert, bei gut besuchten Spielen können es auch zweihundert sein.
„Das hängt von mehreren Faktoren ab: Zuschauerzahl, Gegner, Wetter und natürlich der Spielverlauf spielen dabei eine Rolle.“ erklärt Sören und „Ja, die Leute sind großzügiger, wenn der KSC gewonnen hat.“ Die Spendensumme kommt dem KSC-Projekt „Fußball macht satt“ zugute, Damit unterstützt der Verein den Tagestreff TafF in Karlsruhe – eine Einrichtung für Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind, und die ihnen Sicherheit, Beratung und Unterstützung bietet.
Bei Julias und Sörens Job geht es in der Regel ruhig zu. Ab und zu werden sie von Fans darauf angesprochen, was es mit den Spendenboxen auf sich hat. Negative Erfahrungen machen die beiden nur selten; zum Beispiel gab es schon Versuche, gespendete Becher aus einer Box herauszuholen. Einmal lösten Randale einen Polizeieinsatz im Stadion aus. Damals entschieden Julia und Sören aus Sicherheitsgründen, ihren Arbeitseinsatz abzubrechen.
Seitens des KSC gibt es für Probleme aller Art einen festen Ansprechpartner, den Julia und Sören jederzeit kontaktieren können.
Julia liebt „die Stimmung da draußen ohne Ende.“ und ihre Begeisterung sprudelt aus ihr heraus: „Ich bin einfach mega happy!“ Sie freut sich „auf jedes Heimspiel, wo wir’s machen dürfen. Es macht immer unheimlich viel Spaß, weil man merkt, dass man sich da richtig entschieden hat!“ Da nicht nur sie, sondern auch ihre Familie aus treuen KSC-Fans besteht, wird jedes Heimspiel so zu einem gemeinsamen Familienausflug.
Sören findet es „eine gute Aktion. „Wir tun etwas Gutes für andere und gleichzeitig haben wir ’ne Beschäftigung, die uns Spaß macht.“
Das Beispiel KSC macht deutlich, dass betriebliche Integration nicht zwangsläufig bedeutet, die Werkstatt vollständig zu verlassen. Julia und Sören sind nach wie vor Beschäftigte der HWK, sammeln aber gleichzeitig Erfahrungen außerhalb der Werkstatt. Ihr Beispiel zeigt, wie vielfältig und individuell betriebliche Integration gestaltet werden kann, konsequent ausgerichtet auf die Interessen, Fähigkeiten und Bedürfnisse des jeweiligen Menschen.
Autor: Andrea Sauermost / Foto: Patrick Werner

